Hintergrund

www.dieBeteiligung.de war die Homepage des Forschungs- und Entwicklungsprojekts „Gelingende Beteiligung im Heimalltag aus der Sicht von Jugendlichen“. Deren Inhalte, die im Rahmen dieses Projekts recherchiert und aufbereitet wurden, bilden den Grundstock für die jetzt bestehende Seite www.dieBeteiligung.de der Gemeinschaftsinitiative der Erziehungshilfefachverbände. Dankbar sind wir dafür, dass dadurch der Fortbestand aller Vorleistungen sowie die Aktualisierung der Seite sichergestellt werden können.

 

In Würdigung unserer PartnerInnen und deren Engagement stellen wir im Folgenden die Vorarbeiten für das o.g. Projekt und dessen Verlauf dar. Abschließend erinnern wir auch an die Netzwerktagung der Verbände, die die Gemeinschaftsinitiative zur Umgestaltung dieser Homepage begründet hat.


Das Entwicklungsprojekt „Beteiligung – Qualitätsstandard für Kinder und Jugendliche in der Heimerziehung“ (2005 – 2006)

Beteiligung von Kindern und Jugendlichen ist in allen Bereichen der Erziehung und Bildung von zentraler Bedeutung. Sie ist grundlegendes Prinzip der UN-Kinderrechtskonvention, der EU-Kinderrechtsstrategie sowie des Kinder- und Jugendhilfegesetz (§ 8 KJHG). In der konkreten Umsetzung im Alltag der stationären Erziehungshilfen weist sie jedoch einen erheblichen Entwicklungsbedarf auf. Zu diesem Resümee kam das Projekt „Beteiligung – Qualitätsstandard für Kinder und Jugendliche in der Heimerziehung“, das von 2005 bis 2006 vom SOS-Kinderdorf e.V. initiiert und gefördert wurde. Fachlich wurde das Projekt von der Internationalen Gesellschaft für erzieherische Hilfen e.V. und SOS-Kinderdorf e.V. gesteuert und an der Fachhochschule Landshut durchgeführt. Auf europäischer Ebene war das Projekt mit der Initiative „Quality4Children“ vernetzt und brachte seine Ergebnisse und Erkenntnisse aus Deutschland dort ein. Im Rahmen dieser Initiative haben in den vergangenen Jahren Vertreterinnen und Vertreter sozialer Organisationen, Behörden und Hochschulen in 32 europäischen Ländern daran mitgewirkt, zusammen mit Betroffenen Qualitätsstandards für die Fremdunterbringung von Kindern und Jugendlichen zu entwickeln.

 

Ein Ziel des deutschen Projekts „Beteiligung – Qualitätsstandard für Kinder und Jugendliche in der Heimerziehung" bestand unter anderem darin, gemeinsam mit Jugendlichen zu erarbeiten, wie aus ihrer Sicht eine gelingende Beteiligung aussehen sollte. Die Wünsche und Vorstellungen der Jugendlichen, mit denen im Rahmen von Jugend-Workshops gearbeitet wurde, sprachen für viele „weiche Faktoren“, die Jugendlichen wollten Beteiligung im Alltag erleben und spüren. Konzepte von Beteiligung und verregelte Beteiligungsstrukturen sind demnach für Jugendliche nur Makulatur, wenn sie nicht mit einem notwendigen Klima einhergehen und wenn keine Kultur der Beteiligung im Alltag entstehen kann. Eine in diesem Rahmen erstellte systematisierte Literaturrecherche ergab zudem, dass die empirische Basis zur Frage von real erlebten Beteiligungschancen im Alltag der Heimerziehung große Lücken aufweist. 


Das Forschungs- und Entwicklungsprojekt „Gelingende Beteiligung im Heimalltag aus der Sicht von Jugendlichen“ (2006 – 2008)

Diese Ausgangslage war Grund genug für SOS-Kinderdorf e.V., die Internationale Gesellschaft für erzieherische Hilfen e.V. und die Hochschule Landshut in einem weiteren Projekt die begonnenen Recherchen fortzusetzen. Die Kooperationspartner initiierten, Dank der Förderung durch die Stiftung Deutsche Jugendmarke e.V., ein Folgeprojekt mit einer Laufzeit von zwei Jahren (2006 bis 2008), das nutzerorientierte Forschungs- und Entwicklungsprojekt „Gelingende Beteiligung im Heimalltag aus der Sicht von Jugendlichen“. Diese hatte sich zum Ziel gesetzt, Beteiligung in den stationären Erziehungshilfen zu untersuchen und zu fördern. Zentraler Fokus des Projekts war die NutzerInnenperspektive: Beteiligung aus der Sicht von Kindern und Jugendlichen zu verstehen, zu definieren und zu denken.

 

Um dieses Anliegen zu verfolgen, wurden drei Ansatzpunkte zur Gewährleistung und zum Ausbau der Beteiligungschancen von Kindern und Jugendlichen in der Heimerziehung gewählt: Es sollten empirische Erkenntnisse zur Selbstdefinition betroffener Jugendlicher zur Beteiligung im Alltag stationärer Erziehungshilfen erforscht werden. Die Deutungen der NutzerInnen sollten Ausgangspunkt für fachpolitische Strategien und für die Weiterentwicklung in der Praxis sein. Um den Ausbau und die Entwicklung von Beteiligung zu intensivieren, sollte eine Diskussionsplattform für Fachleute zur Vernetzung und zum Austausch zur Verfügung gestellt werden. Es sollten zudem Arbeitsmaterialien und Beispiele gelingender Beteiligungspraxis recherchiert und zusammengetragen werden, um PraktikerInnen bei der Umsetzung von Beteiligung im Heimalltag zu unterstützen.

 

Die InitiatorInnen des Forschungs- und Entwicklungsprojekts haben dazu im Laufe einer zweijährigen Projektlaufzeit drei Bausteine bearbeitet:

1. Durchführung einer repräsentativen Befragung von Jugendlichen in deutschen Heimen,

2. Bildung eines Netzwerks im Rahmen eines ExpertInnen-Hearings sowie Entwicklung eines Internet-Portals (www.dieBeteiligung.de),

3. Erarbeitung eines beteiligungsfördernden Werkbuchs für PraktikerInnen und Jugendliche in Heimen.

 

1. Insgesamt zeigen alle Erfahrungen und Ergebnisse, dass es bereits viele gute Ansätze zur Beteiligung von Kindern und Jugendlichen in den stationären Hilfen gibt. Die repräsentative Untersuchung, die vom SPI im SOS-Kinderdorf und vom IPP mit Unterstützung der Hochschule Landshut durchgeführt wurde, kam zu dem Ergebnis, dass die erfolgreichen und nachhaltigen Beteiligungskonzepte in der Heimerziehung von Jugendlichen sehr stark wahrgenommen werden. Übergreifend hat eine positive Bewertung der Beteiligung durch die Jugendlichen eine positive Bewertung ihrer Unterbringung insgesamt zur Folge. Die Untersuchung zeigt zudem, dass Beteiligung noch mehr ist: Sie gehört zu den zentralen Faktoren subjektiven Wohlbefindens und bildet eine wesentliche Basis individueller Bewältigungskompetenzen. Die Erfahrungen und Erkenntnisse des Projekts verweisen darauf, dass bei Beteiligung in der Heimerziehung dringend ein näheres Hinschauen erforderlich ist. Beteiligung ist ein Erfolgsfaktor einer gelingenden Heimerziehung, wenn Beteiligung in Beziehungen und in alltäglichen Aushandlungsprozessen umgesetzt wird. Eine Pädagogik der Beteiligung zeigt sich nicht nur durch beteiligungsorientierte Projekte, sondern sie macht sich auf der Beziehungsebene fest und drückt sich hier in einer respektvollen und wertschätzenden Interaktions- und Kommunikationskultur aus. Kurz: Beteiligung ist ein Querschnittsthema und Qualitätsmerkmal einer guten Pädagogik. Hier eine Zusammenfassung der Studienergebnisse.

 

2. Ein weiteres Anliegen des Projekts „Gelingende Beteiligung im Heimalltag aus der Sicht von Jugendlichen“ war die Verbreitung, die Vernetzung und der Austausch zum Thema Beteiligung in den stationären Erziehungshilfen.

Im Juli 2007 fand dazu ein Hearing in Frankfurt/Main statt, bei dem Jugendliche „auf Augenhöhe“ mit Fachleuten aus Verbänden, Behörden und der Wissenschaft über Beteiligung diskutierten. Ebenso wurde der Stand der Beteiligungsdebatte in der Heimerziehung von den 30 TeilnehmerInnen analysiert. Mit den Ergebnissen und weiteren recherchierten Materialien konnte Dank der finanziellen Förderung und fachlichen Unterstützung von SOS-Kinderdorf e.V. die Seite www.dieBeteiligung.de im August 2007 online gehen. Die Website fungierte einerseits als Homepage des Projekts „Gelingende Beteiligung im Heimalltag aus der Sicht von Jugendlichen“ und sie sollte von Anfang an für all jene Personen eine virtuelle Plattform sein, denen Beteiligung von Kindern und Jugendlichen in der Heimerziehung ein zentrales Anliegen ist. Hier eine Zusammenfassung der Ergebnisse eines Dialogs zwischen jugendlichen und erwachsenen ExpertInnen „auf Augenhöhe“.

 

3. Viele Beispiele gelungener Beteiligungspraxis wurden gesammelt, zusammengetragen und aufbereitet und in einem Werkbuch verarbeitet,, das unter dem Titel "Gelingende Beteiligung in der Heimerziehung. Ein Werkbuch für Jugendliche und ihre BetreuerInnen" erschienen ist. In dem Werkbuch für Jugendliche und ihre BetreuerInnen werden Erfahrungen, Informationen und Tipps zur Beteiligung in den stationären Erziehungshilfen aus der Praxis für die Praxis zusammengestellt. Jugendliche und ihre BetreuerInnen, die auf ihre je spezifische Weise Expertinnen und Experten für die Heimerziehung sind, kommen darin zu Wort. Im Kapitel „Wissen und Meinungen“ geht es zunächst um Hintergründe, Definitionen und Meinungen zur Beteiligung im Heim oder der Wohngruppe. In fünf Kapiteln mit Praxisbausteinen zur Umsetzung von Beteiligung wird Beteiligung praxisnah durch Erlebnisberichte von Jugendlichen, BetreuerInnen oder Leitungspersonen sowie durch Schilderungen von Alltagssequenzen oder Kurzportraits von Projekten und Aktionen abgebildet. Die Beispiele regen zum Darüber-Reden, Ausprobieren und Weiterarbeiten an. Durch Reflexionsfragen werden LeserInnen zum Dialog über den eigenen Standpunkt und eigene Erfahrungen motiviert. Im Erarbeitungsprozess des Werkbuches waren Jugendliche und Beteuerin beteiligt.


Die Netzwerktagung als Start der Gemeinschaftsinitiative der Erziehungshilfefachverbände (2008)

 

Als Abschlusstagung des o.g. Projekts, aber auch als Neustart der Gemeinschaftsinitiative der Verbände fand im Dezember 2008 in Berlin eine Kooperationstagung statt. Veranstalter dieser "Netzwerktagung zur Beteiligung in der Praxis der Erziehungshilfen" waren die Erziehungshilfefachverbände (AFET, BVkE, EREV und IGfH) gemeinsam mit dem Projekt „Gelingende Beteiligung im Heimalltag aus der Sicht von Jugendlichen“, die Hochschule Landshut sowie SOS-Kinderdorf e.V. Die Tagung lud zum Kennenlernen guter Praxis, zu Wissenstransfer und Austausch ein.

 

 

Prof. Dr. Mechthild Wolff / Dipl.-Sozialpäd. (FH) Sabine Hartig